Der süße Geruch vermeintlicher Freiheit

Erst jetzt, 1,5 Wochen nach meiner Rückkehr, finde ich etwas Zeit zum Schreiben. Es gibt viele Blogeinträge, die noch ganz unbedingt nachgetragen werden müssen, nahe zu unendlich viele Themen die in der Öffentlichkeit besprochen werden müssen. Dass eine umgehende Berichterstattung während des Aufenthaltes in Athen oftmals nicht möglich war, lag an den vollen Tagen und den sich überschlagenden Gedanken, welche erst in längeren Zeiten der Besinnung gebündelt und in Worte umgewandelt werden können. In Athen, im Mittendrin, war dies, zumindest für mich, nicht möglich.

Beim Lesen der vorherigen Einträge wurde mir klar, dass bisher nicht ganz greifbar ist, was genau wir während unserer Zeit in Griechenland eigentlich gemacht haben. Daher nun einige Erläuterungen diesbezüglich.

Es begann alles in einem Camp im nördlichen Teil Athens. Zu einem Projekt von Ehrenamtlichen, welches in diesem vom Ministerium für Migration geleiteten Lager offiziell geduldet ist, hatten wir bereits im Vorfeld Kontakt aufgenommen. Am ersten Tag schlugen wir hier also auf. Die Lage erinnerte an die Unterbringungsorte von einigen Unterkünften in Deutschland. Ganz nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“, wussten selbst griechische Einheimische kurz vor unserer Ankunft am Camp, nichts von der Existenz eines solchen.

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Das unverkennbare Erkennungsmerkmal der blauen UNHCR Rucksäcke, von in die Stadt ausschwärmenden CampbewohnerInnen, wies uns dann jedoch letztendlich den Weg.

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Im Camp angekommen wurden wir am Tor von einem Polizisten nach unserem Grund des Kommens befragt und aufgefordert uns von den Bänken vor einem Büro Container nicht weg zu bewegen. Widerwillig gaben wir unsere Ausweise zur Registrierung ab, während wir auf die Leitung des Projektes, mit welchem wir tätig werden wollten, warteten.

Das Camp, unter der Leitung des Ministeriums, beherbergt rund 1500 Menschen – hauptsächlich Menschen aus Afghanistan und dem Iran, jedoch auch einigen afrikanischen Ländern. Das benachbarte Camp, welches durch einen Wellblechzaun von dem diesen getrennt wird und vom griechischen Militär geleitet wird, beherbergt widerum vorallem arabisch sprechende Menschen.Die räumliche Trennung soll interethnischen Konflikten entgegen wirken…

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Nach einer Einführung in die äußerst gut ausgebauten Freiwilligenstrukturen im Camp, durch welche die dort lebenden Menschen, vorallem Kinder, etwas Abwechslung in den Campalltag bekommen tragen wir uns für die Mitgestaltung verschiedenster Aktivitäten ein: Kleiderausgabe, Spendencontainer sortieren, Sport und Spiel mit den Bewegungslustigen, …

Während unserer Zeit im Camp werden wir von einer Gruppe Iranern zum Essen in ihr Haus eingeladen, wenn dieses jedoch leider nur ein Container ist, dazu aber klimatisiert, mit kleinem Bad mit Dusche und einer Spüle im Zimmer. Dank unserer Leila, welche perfekt farsi spricht, haben wir auf dieser Reise einen erheblichen Vorteil im direkten Kontakt mit den Menschen. Kommunikation kreativ zu gestalten und grundlegende Informationen heraus zu finden oder zu übermitteln fällt mir seit geraumer Zeit nicht mehr schwer. Geschichten übermittelt zu bekommen, mit all ihren Feinheiten, detailreichen Schilderungen und Ausführungen ist jedoch etwas anderes.

Durch Leila bekommen die Menschen ein Sprachrohr, welchem sie sich dringend zu bedienen scheinen wollen. Immer und immer wieder bilden sich Menschentrauben um uns, um Leila, sobald Personen mitbekommen, dass sie ihre Landessprache spricht. Das Bedürfnis Dinge loszuwerden, sich mitzuteilen, Leid zu klagen, Fragen zu stellen, Informationen zu erlangen ist so groß, dass somit umgehend klar wird, wie dringend DolmetscherInnen im Camp benötigt werden, welche zumeist nicht für „alltägliche Anliegen“ zur Verfügung stehen. Die Menschen scheinen sich trotz der Präsenz des UNHCR und einiger NGOs im Camp (Ärzte ohne Grenzen und Save the Children) sehr allein gelassen zu fühlen. Es geht oftmals um gesundheitliche Beschwerden Einzelner: Probleme scheinen geschildert worden zu sein, diesen wurde jedoch durch die Ärzte nicht ausreichend begegnet. Besonders aber politische und rechtliche Fragen sowie Fragen bezüglich der Weiterreise kommen immer wieder auf: wie geht es mit uns weiter? Werden die Grenzen wieder geöffnet? Wie funktionieren die Relocation Programme? Wie beantragt man Familienzusammenführung?

Nach nur wenigen Stunden im Camp wird klar:trotz den Bestrebungen der EU und somit auch der griechischen Regierung diese Camps als vorerst permanente Unterbringung für die Menschen auf der Flucht zu installieren, hat der überwiegende Teil der Menschen hier keineswegs vor, während des Wartens auf ihr Schicksal in 3m x 7m Containern ihre kostbare Lebenszeit abzusitzen: sie wollen weiter nach Norden. Warten nur bis sie genügend Geld zusammen haben, aus der Heimat nachgeschickt oder vielleicht durch illegale Beschäftigungen mühsam zusammengespart, und die Schlepper ihnen dann den richtigen Zeitpunkt zur erneuten Flucht aus dem Camp Gefängnis kommunizieren – immer der Nase nach, folgend dem süßen Geruch vermeintlicher Freiheit.

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